Persönlichkeit auf der Flucht

Mártín Ó Cadhains Roman „Die Asche des Tages“ im Kröner Verlag
Wir wissen nicht, welche Erfahrungen Máirtín Ó Cadhain mit dem Öffentlichen Dienst gemacht hat, doch sie müssen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Schon in seiner Satire „Der Schlüssel“ war das nicht zu überlesen und nun im erstmals ins Deutsche übertragenen Roman „Die Asche des Tages“ ebenso. Ablehnung, ja Abscheu tritt hier zutage, weniger gegen die Beamten in Person denn gegen das Amt als solches. Und es überträgt sich auf den Leser gleichsam körperlich die Pein. Amtlichkeit und Individualismus sind wie Feuer und Wasser, wie Himmel und Hölle, einfach unvereinbar.
Als hätte er nicht schon Sorgen genug, wird dem traurigen Buchhelden N. just an dem Tag, an dem seine Frau verstirbt, auch noch die Brieftasche gestohlen, „ein Schlag, ein brutaler Schlag“. Denn „wenn du sie … berührtest, war sie Balsam für deine Hand, für deinen geschmeidigen Gang, für das Funkeln in deinen Augen, eine Art Bollwerk für deine gesamte Persönlichkeit, wie ein königliches Gütesiegel auf deinem Geist!“
Derart entmannt, nein entmenscht, gerät N. in einen Strudel von Vermeidungshandlungen. Eine solche war ja bereits der Gang ins Kaufhaus, bei dem mit der Brieftasche das Beerdigungsgeld abhanden kam. Denn wen verlangt es so dringend nach einem Heizstrahler, wo doch zu Hause gerade die Frau verschieden und womöglich noch nicht einmal aufgebahrt ist?! Einen stummen Schrei nach Wärme dahinter zu vermuten, wäre arg konstruiert.
Der nächste Weg führt diesen Helden der Prokrastination auf die Rennbahn. Wo er – man rate – aufs falsche Pferd setzt. Die flankierenden Trinkgelage müssen nicht weiter erwähnt werden.
Mehr als vor all den Aufgaben, die das Versterben einer Angehörigen aufgibt, ängstigen N. die Schwägerinnen, die gewiss zu Hause auf ihn warten, und für die es keinen Unterschied macht, ob seine Heimkehr mit gutem Grund so verzögert wäre oder er einen Haufen Lügen als Entschuldigung vorbrächte. Die „würden ihm bei lebendigem Leibe die Haut abziehen und Strumpfbänder aus seinem Gedärm machen“.
Eine sehr fleischige, drastische, gefühlserfüllte Sprache zeichnet den Dichter Mártín Ó Cadhain (1906-1970) aus, der als ein James Joyce des Irischen gilt, und nach „Der Schlüssel“ und „Grabgeflüster“ erneut von Gabriele Haefs für den Kröner Verlag übersetzt wurde.
N., und wem würde das nicht so gehen, verwirrt die Vorstellung, ein mikroskopisch kleiner Tropfen unter Tausenden anderen zu sein. Wie konnte seine eigene Geschichte „einfach so eine Feld-, Wald- und Wiesengeschichte sein“ wie es ihm jeder weismachen will, der von seinem Dilemma mit Verstorbener, Brieftaschenklau etc. erfährt. Wohl hört man sich in der Stiftung, dem Pub, der Heilsarmee seine Geschichte an, aber…
Und derweil er in den Armen eines leichten Mädchens Trost sucht, würde der Leichnam zu Hause vielleicht verkrümmt erstarren, weil keiner ihn rechtzeitig geradebog und das würde womöglich einen Spezialsarg erfordern… Das Warten also führt zu immer neuen Problemen.
Der Leser wohnt einer Geschichte bei, die sich zusammenfassen ließe als die zwei Tage, an denen N.s Persönlichkeit sich auf der Flucht befand.
Nicht von der Hand zu weisen ist, dass wer nur lange genug aufschiebt und sich der Wirklichkeit versperrt, durchaus an einem Punkt anlangen kann, da die Existenz der Wirklichkeit gar selbst infrage steht.
Wohl ist auch für N. der vorhandene Leichnam eine unumstößliche Tatsache. Wiewohl sich doch fragen lässt, ob es den Leichnam wirklich gibt. Und so fühlt N. sich denn in eine „Zwangsjacke der Ungewissheit“ gehüllt. Spätestens an dieser Stelle weiß der Leser nicht, ob er ihm noch beistehen, oder ihm einen Schubs ins fraglos kalte Wasser der Realität geben soll.
Indes: der reflektierte Leser fühlt sich im Glashaus und zögert, den ersten Stein zu werfen. Denn diesen „Verantwortungsmist“, der einem zuweilen vor die Füsse gekippt wird, kennen wir doch alle.

Alfred Kröner Verlag, 1. Auflage 2020, übersetzt von Gabriele Haefs nach der irischen Erstausgabe von 1970 „Sáirseál agus Dill“, 160 Seiten, 18 Euro

(hier unsere Besprechung seiner Satire „Der Schlüssel“ https://irish-berlin.de/wurm-im-papiermausoleum-8982/ und des Romans „Grabgeflüster“ https://irish-berlin.de/death-is-not-the-end-8787/, beide ebenfalls erschienen im Kröner Verlag)

Beate Lemcke

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