Wurm im Papiermausoleum

Máirtín Ó Cadhains Satire „Der Schlüssel“ erschien im Kröner Verlag

 

Hegen Sie zuweilen gewisse Vorurteile gegen den Öffentlichen Dienst? Vergessen Sie’s! Vorurteile sind schlimm und ungerecht und ein Fußtritt für die politische Korrektheit.

Andererseits würde es Sprüche wie den vom „Beamten-Mikado“ nicht geben, wenn nicht doch…

Betrachten wir die Sache mal als Fiktion, heben sie auf eine literarische Ebene und begeben uns mit Máirtín Ó Cadhain nach Irland, wo er seine rabenschwarze Satire „Der Schlüssel“ angesiedelt hat.

Da gibt es den Papierbeauftragten J. in seinem Büro. Tagein tagaus tut er dort seinen Dienst gleich einem Wurm in einem Papiermausoleum. Vor lauter Angst etwas falsch zu machen, macht er gar nichts falsch und gerät dennoch in die Malaise. Denn plötzlich findet er sich eingeschlossen im Büro und sein Vorgesetzter ist abgereist in den Urlaub. Zwar steht ein Telefon auf seinem Tisch, aber ohne ausdrückliche Genehmigung des Vorgesetzten darf er das nicht benutzen.

Da ist guter Rat teuer. „Wenn es einen Präzedenzfall gäbe, aber den gibt es ja nicht…“

Der Leser wird Zeuge, wie die Schlinge sich enger zieht. J. spürt ein Kratzen, das sich vom Oberschenkel und einer Seite des Bauches auf die Leistenbeuge zubewegt und seine Gedanken drehen sich im Kreise ohne irgendwo anzukommen.

Wie bleute ihm der Vorgesetzte doch ein: „Wer hat den öffentlichen Dienst erschaffen? Gott.“ Was also tun als rangniedriger Papierbeauftragter?

In einem mutigen Moment stochert J. ein wenig im Schlüsselloch herum und verstopft es nun noch. „Ein blockiertes Loch, vollgestopft mit seinen eigenen Sünden, die Gottes Licht aussperrten.“

1952 schrieb Ó Cadhain an seiner Novelle, und da war Irland noch äußerst fromm. Das macht es für J., der meint, sich zusehends vom Lamm in das schwarze Schaf der Behörde zu verwandeln, nicht einfacher, an sich zu glauben und das Richtige und Naheliegende zu tun. Aber gilt nicht die Regel „Etwas gar nicht zu tun, garantierte, dass es nicht auf unangemessene Weise getan wurde“?

J. hat Durst, hat Hunger und ein dringendes Bedürfnis und vor allem keinen Plan. Der korrekte Dienstweg ist einzuhalten. Vom Personalchef zum obersten Verwaltungsbeamten und immer so weiter. Wobei dieses Weiterreichen dem Versuch gleicht, „mit den Fingern Quecksilber aufzunehmen“.

Naja, und was dann passiert… – die Putzfrau kommt und barmt und sorgt sich, die Ehefrau kommt und randaliert. Parteienvertreter kommen und schieben jeweils die Schuld auf den anderen.

So sitzt J. denn in dieser Posse zwischen all den Akten mit diversen Fällen, den Ordnern mit Armeepensionen, dem Schrank mit den Vergessenen Vorgängen und er fragt sich wie der Leser: wird dieser am Ende zu seinem Sarg werden?

Ó Cadhains Novelle ist ein hinreißendes Werk. Der Autor, der 1906 westlich von Galway, in der Gaeltacht also, geboren wurde und 1970 in Dublin verstarb, ist durch den Kröner-Verlag neu entdeckt worden. Gabriele Haefs übersetzte „Der Schlüssel“ (im Original „An Eochair“) erstmals ins Deutsche. Der kurzweilige Band von 100 Seiten hat – auch dank ihrer Übersetzerleistung – seinen lebendigen Charakter behalten und wiewohl frei erfunden, sind Ähnlichkeiten mit Vorgängen in den Amtsstuben unserer Tage nicht ausgeschlossen.

(Kröner Verlag, 100 Seiten, 16,90 Euro)

Beate Lemcke

 

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