Wenn der Verstand den Geist aufgibt

Kevin Barrys „Beatlebone“ bringt John Lennon zurück nach Irland

„Ich hoffe, das Leben beginnt… ich hätte gern ein bisschen weniger Schwierigkeiten“, offenbarte John Lennon seiner Cousine Liela mit Blick auf den anstehenden vierzigsten Geburtstag (1979, nachzulesen in The John Lennon Letters). Der Musiker hatte den Stecker gezogen und befand sich in einer Phase des vorgezogenen Ruhestandes. Die Zeit mit den Beatles und seine Wurzeln in Liverpool hatte er weit hinter sich gelassen, fernab in New York probierte er sich als Brot backender Hausmann und fürsorglicher Vater für seinen Sohn Sean. Anders als für Julian, dessen Kindheit der Beatle zu wenig intensiv miterlebt hatte, die Ehe mit Cynthia war gescheitert. Jetzt wollte er alles anders machen. Längst hatte er in Yoko Ono seine große Liebe und ebenbürtige Partnerin gefunden. Und beinahe wieder verloren, doch die Trennung, das sogenannte Lost Weekend waren abgehakt. So gesehen alles gut. Allein: die Kreativität!? Wie sollte er sie wiederfinden ohne sich durch die Dauerschleife der Selbstwiederholung zu schwindeln?

In diese Zeit der Suche und der Zweifel wirft Kevin Barry den Anker für seinen Roman „Beatlebone“, der Lennon zurückholt nach Irland, zu dem er immer eine besondere Bindung hatte. Sein Vater stammte von dort, und seine Halbschwester Julia Baird beschreibt in ihren Erinnerungen Johns Wesen als durch und durch keltisch.

Nach dem Tod enger Freunde und Verwandter, besonders auch dem von Freddie Lennon, seinem Vater, der 1976 im Alter von 63 Jahren starb, beschäftigte sich John zunehmend mit der eigenen Sterblichkeit, mit seiner Herkunft und den Vorfahren. In der Suche nach der Verbindung vom Vergangenen zum Heute sowie nach dem Wie Weiter verbarg sich die zutiefst menschliche nach dem Sinn wie auch die künstlerische nach der Entfaltung.

Kevin Barry hat sich dazu eine wilde, poetisch überbordende, gedankenschwere, aber auch sehr alberne phantastische Reise des Musikers in die Vergangenheit und sein Inneres ausgedacht. In der Tat hatte John Lennon die Idee, vielleicht eines Tages nach Irland zu ziehen. Aufgrund einer Anzeige in einer Londoner Abendzeitung bot Alistar Taylor – in der Entourage um die Beatles der „Mr. Fix-It“ – im Frühling 1967 auf ein Eiland vor der irischen Westküste und erhielt für günstige 1550 Pfund Sterling den Zuschlag.

Nach Kevin Barrys Beschreibung in einem dokumentarisch gehaltenen Romanteil im zweiten Drittel des Buches handelt es sich bei Dorinish um eine Doppelinsel aus Dorinish Beg und Dorinish More. Ähnlich den anderen kleinen Hügeln, Drumlins, im Atlantik schwimmend mit dem heiligen Berg Croagh Patrick im Rücken. Im Spätsommer 1967 war John das erste Mal auf der Insel, gerade mal zwei Stunden lang, dann wieder im Sommer 1968, die Ehe mit Cynthia war zu Ende und er brachte Yoko mit.

Im Mai 1978 nun lässt Barry John Lennon erneut über die Clew Bay blicken. Der sieht die vielen verstreut liegenden Inseln und fragt sich, wie er nun seine, mehr oder weniger aus Fels und Karnickellöchern bestehende, finden soll. Kevin Barry, geboren 1969 in Limerick, ist unleugbar mit der irischen Literatur sozialisiert, mit John McGahern, dem modernen Roman eines Joyce, der Fabulierfreude und dem schrägen Humor eines Flann O’Brien. Sein Beatlebone ist eine Mischung aus Dokument und Fiktion, hebt ab und hat Bodenhaftung, ist tiefschürfend und hoffnungslos bekifft.

Dem berühmten Reisenden stellt der Autor einen Chauffeur und Guide zur Seite, Cornelius O’Grady. Der verfügt über Bauernschläue und kann Eins und Eins zusammenzählen, er hat die Ortskenntnis und weiß, dass die Hälfte aller Zeitungsleute bereits aufgebrochen ist von Dublin nach Westport. Dieser Lennon, der sich in den letzten Jahren bereits geöffnet und ausgeblutet hat, will auf seine Insel, aber „ungesehen, unerkannt – er will nicht mehr als ein Rascheln sein, nicht mehr als ein Schatten.“ Da hilft nur die Finte, und so fährt Cornelius den Gast statt im Mercedes in einem Lieferwagen und macht ihn der Tarnung wegen zu seinem Vetter Kenneth aus England.

Kevin Barrys John fühlt sich mit 37 Jahren in der verdammten Vergangenheit eingesperrt und er hasst sich selbst und alles, fühlt sich wie einer, der ein reicher Wurm ist und sonst nichts. Er will endlich über sich hinaus. Nach nichts sehnt er sich mehr, als sich drei Tage lang auf seiner Insel die Lunge aus dem Hals zu schreien, wie Arthur Janov mit seiner Urschreitherapie es ihn gelehrt hatte. Im „Westen Irlands – Ort des alten Blutes. Ein Ort zum Urschreien.“ Lennon hatte drei Monate in der Klinik von Dr. Janov in Kalifornien gegen seine Verluste in der Kindheit, gegen seine Ängste und den Frust angeschrien. Was auch in Songs wie Mother widerhallte.

Cornelius ist ein recht guter Menschenkenner. Und Lebensversteher. Worauf kommt es an im Leben voller Ängste? Darauf, dass man Haltung bewahrt, sich aufrecht hält: „Ich hör auf das, was um mich ist… Weil man alles hören kann, was man auf dieser Welt nur braucht.“ Wieder und wieder stellen sich für John Lennon die existentiellen Fragen. Es keimt das Gefühl auf, dass „das Leben für alle ist, nur nicht für dich selbst… und es gefällt dir so, das heißt Du gefällst dir in deinem Schmerz“.
John spürt etwas Neuem nach, dessen Umrisse er zunehmend erahnen kann. Ein schöpferischer Prozess ist im Gange.

Wer sich ein wenig mit John Lennon beschäftigt oder seine Songs genau angehört hat, weiß um dessen Dämonen, die Zerrissenheit, den Kummer und die
Traumata der Kindheit, die sich zuweilen im Jähzorn ein Ventil suchten. Lennon forscht genaugenommen gar nicht nach der Insel, sondern ist sich selbst auf der Spur, betreibt seine Häutung. Das Kopfkino führt ihn zurück nach Liverpool, zu den Albert Docks, der Central Station, zu Tante Mimi. Um ihn gleich darauf in der Gegenwart zu fixieren, in einer Höhle, bei der Unterhaltung mit einem Seehund.

Das Buch stellt die Frage, ob es so etwas wie „gutes Durchknallen“ gibt, „wenn der Verstand den Geist aufgibt und sich neu ordnet“. Beantworten kann das der Leser als Cornelius oder Lennon oder ein Mensch mit seinen eigenen Fragen, Erfahrungen und Zweifeln. Diese steten Perspektivwechsel und die innere Zerrissenheit der Hauptfigur spiegeln sich in der Anlage des Textes, der mal Dialog mal Monolog ist, essayistisch oder Puzzle aus Denkfetzen. Im besten Falle geht es den Lesern wie dem Autor wie John: Er kann die winzigsten Details sehen und das große Ganze.

Beate Lemcke
erschienen im Rowohlt Verlag, übersetzt von Bernhard Robben, 320 Seiten, 20 Euro

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