Im Leben närrisch glücklich sein

Sebastian Barrys Roman „Tausend Monde“, erschienen bei Steidl

Vor reichlich einem Jahr habe ich mich verliebt. Diese Liebe ist nie abgekühlt, obwohl fremde Momente in ihr waren. Und nun ist sie erneut befeuert. Es ist die Liebe zu einer handvoll ungewöhnlicher Menschen, über die ich kaum mehr weiß als dass sie das Herz am rechten Fleck zu haben scheinen. Und zu der mitreißenden Sprache des irischen Schriftstellers Sebastian Barry, der sie mit rauschhaften Beschreibungen zum Leben erweckt. Auf dass der Leser mit ihnen fühle und etwas verstehe vom Leben und vom Menschen und der Menschlichkeit. Vor allem aber über die Liebe, die sich so schwer bemessen lässt und die doch alles ist, was zählt im Leben.
„Tausend Monde“ heißt dieses 2020 in London verlegte und noch im selben Jahr auf deutsch herausgebrachte Buch. Ich las es im Corona-Lockdown, jener Ausnahmezeit, die alle Gewissheiten schwinden lässt bis eben auf die eine, die des Wertes von Menschlichkeit. „Selbst wenn du Blutbäder und Katastrophen überstanden hast, am Ende musst du lernen zu leben.“

Bis der Himmel sich schwarz färbt

Der Roman setzt an beim Vorgänger „Tage ohne Ende“, der im entstehenden US-Amerika angesiedelt ist und aus der Sicht des Iren Thomas McNulty erzählt. Dieser adoptierte gemeinsam mit John Cole das sechsjährige Indianermädchen Winona. Wechselten bei „Tage ohne Ende“ die Schauplätze und Schlachtkonstellationen mit Indianern und Rebellen immer wieder, so hallen die Gewalttätigkeiten in den 1870er Jahren der „Tausend Monde“ zwar noch nach, doch es ist ruhiger geworden. Thomas und John und das Mädchen haben Zuflucht und Freunde auf einer Farm gefunden, wo alle recht glücklich miteinander leben. Bis der Himmel sich schwarz färbt und wie Platzregen das Unglück auf sie herabstürzt. Winona, auf der Schwelle vom Mädchen zur jungen Frau, widerfährt Abscheuliches. Sie wird mißhandelt, geschändet, vergewaltigt, womöglich durch die erste Liebe ihres Lebens Jas Jonski. Doch das ist nicht sicher, sie kann sich nicht erinnern, wer ihr das Leid antat. So macht Winona, aus ihrer Perspektive wird erzählt, sich auf die Suche nach ihrer Erinnerung und nach dem Täter. Noch zäher als dies gerät ihr Ringen um ein Trotz Alledem, um eine Möglichkeit weiterzuleben. Allein, wie sollte sie „je wieder glücklich sein, so närrisch glücklich, wie man es in diesem Leben sein muß?“

Langstielige Blume und im Feuer gehärtet

Im von Weißen dominierten Land – der Leser mag es ahnen – birgt das Gefahren für die Lakota-Indianerin, denn die gilt nicht als Bürgerin und das Gesetz wird bei ihr nicht angewandt wie bei den anderen. Das ist die Regel in dieser Zeit, die Weißen sehen nur Sklaven und Indianer. Obwohl doch jeder einzelne Mensch „ein Kaiser ist für die, die ihn lieben“
Mich zerriss es fast beim Lesen, hin- und hergeworfen zwischen von Wärme geflutetem und von Schmerz gebrochenem Herzen, zwischen der Versuchung, durch den Roman zu hasten zwecks Aufklärung der Geschichte und dem Drang, nach jedem Absatz innezuhalten, um die wundervolle Sprache, die gelungenen Bilder nachklingen zu lassen.
Zum Beispiel, wenn Winona Whisky trinkt und dieser ihr nicht schmeckt. Da nimmt sie noch einen Schluck und fühlt sich erst wie eine langstielige Blume und wächst dann zum im Feuer gehärteten Engel.
Eines Tages ist Jas Jonski tot, ermordet. Die Geschichte eines Verbrechens wandelt sich zum Szenario der darauffolgenden Rache. Wer hat die Tat begangen, das Mädchen selber, ihre Ziehväter, die schwarze Rosalee, deren Bruder? Oder Peg, auch Indianermädchen?
Winona lässt uns daran teilhaben, wie sie die Sache selbst in Ordnung bringen will.
Die Gespenster der Vergangenheit stehen wieder auf, Greueltaten und die Alpträume ihrer Zeugenschaft. Auch wenn Frieden ist, kann noch lange Krieg sein, denn Gewalt bringt mitunter Menschen hervor, die so aufgebracht sind, „dass sie nicht die Luft des Friedens atmen könnten, sie erstickten daran.“
Es ist dies ein Buch, das den Leser mitfiebern lässt, erschaudernd über das schmutzige Böse, hoffend, das Geschehen möge eine gute Wendung nehmen.
„Aber es gibt Dinge, bei denen nur eine Handvoll Ergebnisse möglich ist, und keines davon ist gut.“

Beate Lemcke

(Steidl Verlag, Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Leineneinband, 256 Seiten, 24 Euro)

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