Wenn die Persönlichkeit sich im Smalltalk verliert

Nicole Flattery legt einen betörend verstörenden Debütband vor

Zugegebenermaßen war ich sehr versucht, die acht Erzählungen der in Galway geborenen Autorin als Puzzle zu lesen, welches zusammengefügt Facetten ein und derselben Person abbildet. Und auch wenn das nicht so ganz hinhauen wollte, bleibt vorm inneren Auge das Bild E I N E R Frau, die ihren Platz in einer Gesellschaft der Blender und Selbstoptimierer sucht. Die das ehrgeizige Ziel verfolgt, „sich zum Mittelmaß hochzuarbeiten“.
Touché, so eine Aussage sitzt!
Wie auch andere äußerst originelle und ungewöhnliche Bilder und Vergleiche in diesem von Tanja Handels übersetzten Buch, das man nicht anderes lesen kann als hindurcheilend. Nicole Flattery, Jahrgang 1990, schneidet mit scharfem Messer. Dabei legt sie nicht unbedingt Inneres frei, keine Motivation, keine Lebenswege, keine Ursache-Wirkung-Zusammenhänge. Orchestriert wird eher die Stimmung unserer Zeit, ein Gefühl des Nicht-Genug-Geliebtwerdens, einer Leere, die nie schwinden wird, so sehr man sie mit Konsumgütern oder Dates auszufüllen sucht. Und auf die Idee, etwas anderes rein zu tun, kommt eben keiner.
Daß dieser Erzählband vor Corona erschienen ist, hat für mich etwas geradezu Verstörendes. Sollte, was einem die innere Einkehr durch Corona so schlagschattenartig vorgeführt hat, schon lange vor sich hingeköchelt haben: menschliche Defizite, gesellschaftliche Übel? Persönlichkeiten, die eher Hanswurste sind, die sich im Smalltalk verlieren; Leute, denen ihr Handy realer vorkommt als die Menschen, die ihnen begegnen.
Inflationäres Reisen, Shoppen, Partnersuchen. Dieser Moment während des Dates, da der Gedanke aufflammt: „Der Typ ist das Gesamtpaket! Im Lauf der Nacht kam dann unweigerlich die Erkenntnis, dass der betreffende Mann alles andere als ein Paket war. Er war ein Briefumschlag mit einer Rechnung darin…“
Sätze wie diese hinterlassen ein Gefühl der Beklommenheit, das Schicksal scheint unabwendbar. Die Schlinge wird sich zuziehen, wenn junge Frauen, „aufgewachsen mit Müttern, die mit mürrischer Miene vor ihrem jährlichen Glas Wein hockten“, die „große Entscheidung ihrer Generation“ treffen, die da ist: Trinken wie die Väter. Junge Frauen, die meinen, sie müssten fortgehen, um etwas über sich herauszufinden. Und längst wissen, dass es da nicht viel herauszufinden gibt. „Nur eine ganz normale Oberfläche und darunter eine verzweifelte Oberfläche.“
Das alles passt absolut in unsere Zeit, denn Corona hat die Schattenrisse schärfer gesetzt, die Verwerfungen unserer Wohlstandsgesellschaft, mit dem steten Verlangen nach Konsum und nicht zu besänftigender Langeweile. Das Leben wird auf die Bühne gehoben, um es klarer und schonungsloser anzuschauen.
Auch die Geschichte um Natasha und Lucy schnürt einem die Kehle zu, da gilt es als Emanzipation der Frau, sich ins Gesicht schlagen zu lassen und dabei zu lächeln. Auch sie sind Frauen, die einige ihrer glücklichsten Momente im Supermarkt verorten und für die es ein Kompliment ist, gut auszusehen, wenn sie durchs Museum gehen. Sinnentleert, nur Schein, nur Oberfläche, geschichtsvergessen, flach.
Ist es wirklich so? Auch, leider auch.
Was gegen das Buch spricht: man fühlt sich hinterher leer. Was dafür spricht: man will es gleich noch einmal lesen, tut es dann auch und verfällt erneut dieser wunderbaren Sprache und den frechen Einfällen der Nicole Flattery.

Beate Lemcke
Nicole Flattery „Zeig ihnen, wie man Spaß hat“, übersetzt aus dem Englischen von Tanja Handels, Hanser Berlin 2020, 256 Seiten, fester Einband, 20 Euro

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