Fairytale of Shane MacGowan

Wohl mancher Musikfreund und womöglich auch er selber wird sich am Ersten Weihnachtsfeiertag die Augen reiben, wenn der sechzigste Geburtstag des Shane MacGowan ansteht. Ihn überhaupt erreicht zu haben…

Nun wirkt der vor allem als Frontmann der Pogues zu Ruhm gekommene MacGowan nicht annähernd vital wie die weit älteren Iggy Pop oder Mick Jagger, aber wir hörten Augenzeugen, die vor wenigen Jahren beim letzten Berlin-Konzert in der Spandauer Zitadelle zunächst besorgt verfolgten, ob der Mann es auf die Bühne schaffen und einen Konzertabend durchstehen könne. Als aber die Scheinwerfer angegangen seien, sei auch MacGowan wie angeknipst gewesen und habe gestrahlt und geglänzt mit seinem Charisma, der unverwechselbaren schmutzigen Stimme und der Innigkeit, mit der er sich den Songs angenommen habe.

Shane MacGowan ist ein Ausnahmekünstler, ein grandioser Songschreiber, ein Poet, der durchaus den Literaturnobelpreis verdient hätte. Wobei man Künstler unbedingt verehren, erst recht gut bezahlen, aber nicht mit Preisen ehren sollte. Man hat ja gesehen, was das bei Bob Dylan anrichtete.

Der Dezember 2017 ist nicht nur der Monat, in dem Shane Patrick Lysaght MacGowan seinen Sechzigsten feiert, sondern auch das dreißigste Jahr, in dem das zweifelsfrei schönste Weihnachtslied der Populärmusik unsere Ohren zu erfreuen weiß. Jenes Lied, das Shane MacGowan im Duett mit der wunderbaren Kirsty MacColl singt: „Fairytale of New York“.

Ursprünglich wollten die Pogues diesen Song mit ihrer Bassistin Cáit O’Riordan aufnehmen, die bereits mit jungen siebzehn der zweiten Band MacGowans – nach den Nipple Erectors – beigetreten war. Doch dann warb Elvis Costello, welcher das Pogues-Album „Rum, Sodomy and The Lash“ produzierte, sie für die Ehe ab. Chrissie Hynde war fürs Duett im Gespräch, doch die Probeaufnahmen mit der schließlich eingesprungenen Kirsty MacColl waren so bestechend, dass diese den Part übernahm und alle glücklich machte.

Bis der Song dann tatsächlich im Kasten war, hatten Band und Studiotechniker noch einige Hürden zu nehmen, denn die Aufnahmen erwiesen sich wegen der Zweiteilung des Songs, der Charakteristika von Einleitung und Duett als unerwartet fordernd und komplex. James Fearnley, Gründungsmitglied und Akkordeonist der Pogues, berichtet darüber in seinem Erinnerungsbuch „Here comes everybody“: „Shane had a maddening talent for metabolising artlessness into beauty. Everyone else had to work at it.“

Der Song in seiner sehr eigenen Melange aus Rock, Punk, Folk und Weihnachtslied stürmte die Hitparaden, war über Wochen die Nummer eins in den irischen Charts und konnte in den britischen nur ausgebremst werden durch der Pet Shop Boys „Always On My Mind“.

Im Jubiläumsjahr 2017 nun ist „Fairytale of New York“ erneut in den Charts. „It was Christmas eve, babe. In the drunk tank…“ So trug es sich also zu. Zu der Zeit, da in New York ein irischer Immigrant in der Ausnüchterungszelle erwachte. Da drang der schmetternde Gesang eines Mitgefangenen an sein Ohr. Namentlich „The Rare Old Mountain Dew“. Und stieß den Iren ins Reich des Phantasierens und Sinnierens. „I turned my face away and dreamt about you…“ Und dann beginnt das Duett, der Walzer ein Wettstreit der Worte, der Schmeicheleien, Beschimpfungen und Flüche.

Nach dem letzten Weihnachtsfest musste MacGowan den Tod seiner – dem Vernehmen nach ebenfalls sehr sangesfreudigen und talentierten – Mutter verkraften, die am Neujahrstag durch einen Autounfall verstarb. Wünschen wir, dass das Neue Jahr für diesen großartigen Künstler und sympathischen, höflichen (gerade vergab er dem Tausendsassa Ed Sheeran dessen aktuelle Coverversion von Fairytale) und freundlichen Menschen ein richtig gutes wird. Bekanntermaßen hat Shane MacGowan seit er 1997 in seinem Londoner Stammpub „Filthy’s“ vom Barhocker fiel und sich die Hüfte brach, Probleme beim Gehen und Stehen und ist oft in den Rollstuhl gezwungen.

Am 15. Februar richten ihm Weggefährten und Künstlerfreunde eine Party in der Dubliner National Concert Hall aus, mit dabei sein werden Nick Cave, Johnny Depp, Bobby Gillespie, Carl Barat, Glen Hansard…

Und auf jeden Fall wir, wenn auch nur in Gedanken.

Beate Lemcke im Dezember 2017

(Abbildung: Wandbild in einer Dubliner Toreinfahrt, Blick auf die Plattensammlung der Autorin, anmaßendes cooles T-Shirt)

Ein Gedanke zu „Fairytale of Shane MacGowan

  • 21. Dezember 2017 um 20:04
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    wunderbar verfaßt – aus dem Herzen und so einfühlsam… kann einem (Pogues fan oder nicht) nur aus der Seele sprechen!
    War bei dem angesprochenen Zitadellen Konzert und im Rollstuhl hab ich ihn auch schon gesehen (Olympia Theatre), tut der Qualität keinen Abbruch. Vielleicht kommt mal ein revival – wer weiß?
    Vergeßt die Schmalzlocken – Shane forever!!

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