Jutta Wrase, Räusche

Eine Ausstellungmit Fotografien zum 9. November 1989
(Eröffnung bei Irish Berlin, 8.11.2009)

Der Neunte November – nun also auch hier. Den meisten von uns mögen sich bereits die Nackenhaare aufstellen angesichts der seit Wochen währenden Litanei in Presse und Funk: Friedliche Revolution, Mauerspechte, Wende, Unrechtsregime, Mauerfall… Und immer wieder die Frage: Was hast Du/haben Sie gemacht in jener Nacht? Weil ER sie auf langweiligste Weise verdaddelt hatte, verstieg sich ein Kolumnist der Berliner Zeitung in erfundene Geschichten, schließlich erwartet so ein Fragesteller Gänsehaut-Berichte. Besagter Schreiber erzählte in Amerika von eingeweckter Baumrinde, von der man sich im Osten ernährt habe. Oder von aus Pappe geschnittenen Lebkuchenherzen, die von der DDR-Mama liebevoll braun angemalt worden seien…
Man kann sich an solchen Erfindungen berauschen, für manchen wurde der 9. November zur Rauschnacht, mancher fühlte sich danach vor allem verkatert…
Jutta Wrases Fotos erzählen Geschichten vom Rande und aus der Mitte. Ganz kleine Episoden, nahbar, authentisch. Sogleich fängt man an, in den Gesichtern aus der Vorwendezeit zu forschen, nach Spuren der Bedrücktheit, Langeweile, Resignation. Man findet sie nicht. Es war alles ganz normal, gelassen, es gibt Lächler und Ausdruckslose, wie immer und überall.
Präsent sind in diesen Tagen weltweit bunt bemalte Mauerteile und Menschenreihen auf der Mauer sitzend – das ist aber nicht die Geschichte der Menschen im Osten. Genau, wie mancher von uns vergeblich versucht hat, den Geruch nach Intershop wiederzufinden, sucht er heute nach Bildern und Gefühlen zu damals, dem Leben in der DDR und in der Zeit des Aufbruchs und Umbruchs. Und erfährt vor allem: Verheißungen können trügerisch sein. Hier wie dort.
Die Interflugwerbung, die Fernreisen preist nach Afrika, Asien, Amerika mußte wie Hohn erscheinen vorm Auge des Bürgers, der allenthalben im Seniorenalter auf etwas Reisefreiheit zählen durfte. Doch hat das Foto auch etwas Vertrautes, so sah es aus, so war es, so wußte man in der und mit der Realität zu leben.
Unfreiwillig komisch wirkt das gardinengerahmte Paar, nicht typisch Osten, eher typisch Mensch mit seiner Vorstellung von Gemütlichkeit, dem kleinen Glück.
Jutta Wrases Fotografien bilden Wirklichkeit ab, ohne Maske, ohne Retusche. Bruchstücke des Alltags werden greifbar, Bekanntes, Erfahrenes, Heimat auch, man erinnert sich. Und das Jahr 1989? War eine spannende Zeit, man muß da nichts hinzuerfinden.
Jutta Wrase arbeitete im Eigenauftrag. Sie hat Zustände festgehalten, nicht entlarvt, nicht bloßgestellt. Ihre Position findet sich im gewählten Ausschnitt der Wirklichkeit wieder, im Fingerzeig…
Zeitwechsel und Ortswechsel:
„Bei der Friedenslinie handelt es sich nur um eine zeitlich begrenzte Maßnahme…“, sagte der Oberbefehlshaber der britischen Verbände in Nordirland, Generalleutnant Ian Freeland, nach Ausbruch des Nordirlandkonfliktes 1969. Die Peaceline, einst aus Stacheldraht errichtet, ist inzwischen eine von Architekten designte Ziegelmauer, in den letzten Jahren weiter aufgestockt von gut dreieinhalb Metern auf teilweise sieben und mehr.
Widmen wir diese Ausstellung also auch den Mauern, die es noch gibt auf dieser Welt.

Beate Lemcke

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