Vom Sehnen nach einer Heimat

Christine Dwyer Hickeys Roman „Alle unsere Leben“ im Unionsverlag

Ist dies ein Buch übers Gelingen und Scheitern von Biographien? Irgendwie schon, wobei es solche Kategorien gar nicht geben sollte. Außerdem klingt das viel zu mechanisch und unsinnlich. Der Roman von Christine Dwyer Hickey ist im Gegenteil voller Wärme und Empathie.

Vielleicht ist es eher ein Buch über Magnetismus. Die Anziehung zwischen einem Mann und einer Frau in einem Kraftfeld mit vielen Ereignis-Magneten, die mal schwächer und mal stärker sind und dahin ziehen oder dorthin. Aber ein Liebe-auf-Umwegen Schmachtfetzen ist es auf gar keinen Fall, das würde schwer enttäuschen nach dem Vorgänger-Roman der Autorin „Schmales Land“, der so wunderbar war.

Die Zeitebenen fließen ineinander

Zunächst lässt sich in „Alle unsere Leben“ eine überschaubare Geschichte vermuten. An einem Oktobertag im Jahre 1979 kommt die schwangere Milly aus einem Dorf im irischen County Louth nach London. Eine Stadt, „groß genug, um sich darin zu verlieren“. Die 18Jährige geht den Weg vieler junger Frauen, denn unverheiratet schwanger zu sein, galt als Schande im erzkatholischen Irland. In London, so hatte sie gehört, würde sie leicht einen Job in einer Bar finden und alles andere würde sich auch fügen. Sie gerät an das Pub von Mrs. Oak, in dem sie einen jungen Boxer kennenlernt, Pip. Auch er kommt aus Irland.

Die beiden finden zueinander und verlieren sich wieder. Auf über fünfhundert Buchseiten dürfen wir sie begleiten über die Spanne fast eines ganzen Erwachsenenlebens. Die Autorin hat das überaus geschickt aufgebaut mit Rückblenden und diversen Nebenschauplätzen. Die Zeitebenen fließen ineinander und wann immer man denkt, man hat den Kern erfasst, hat man eben nur diesen. Denn schon rollt etwas ganz unerhörtes anderes heran, eine Wende oder Erweiterung der Geschichte. So bleibt der Roman spannend und offen auch noch am Ende.

Umbrüche in beider Leben

Dwyer Hickey hat mit großer Liebe für ihre Figuren geschrieben, und die Empathie überträgt sich beim Lesen, man urteilt und verurteilt nicht. Als Milly und Pip sich begegnen, hat jede/r schon seine Geschichte – oder wie man landläufig sagt „sein Päckchen zu tragen“. Wie lange wirkt nach, was der Mensch von zu Hause mit auf den Weg bekommt? Sind Schicksale vorgezeichnet oder gar besiegelt?

Pip erweist sich als gefallener Sohn eines gefallenen Vaters. Die Kindheit holt ihn ein, die Orte und die Menschen. Der Rückblick fügt der Geschichte ein unverhofftes Unterfutter bei.

Familiäre Dinge, finanzielle und wirtschaftliche sollen in den folgenden Jahrzehnten Umbrüche in beider Leben bewirken. Phasen der Armut wechseln mit denen des guten Auskommens, Erfolge mit Niederlagen. Es gibt falsche Entscheidungen und schlechte Einflüsse.

Die Transformationen der Stadt

Auch Politik und Zeitgeschichte spielen ins Private hinein, mittelbar und unmittelbar. Als Milly von der Freilassung der Guildford Four erfährt, geht ihr das durch Mark und Bein. 1975 waren drei Nordiren und eine Engländerin nach Bombenanschlägen auf mehrere Pubs als Terroristen verurteilt worden. Unschuldig wie sich herausstellte, fünfzehn Jahre in Haft. In der jüngeren britischen Justizgeschichte gilt das als eines der schwerwiegendsten Fehlurteile.

Kann Milly einen Partner an ihrer Seite aushalten, der diese Erschütterung nicht versteht? Der mehr noch ihre Herkunft verachtet? Und andererseits: Was hat es mit der Bindung an eine Heimat, an Geschichte auf sich, wenn man dies mit jemandem teilt? Führt es automatisch zu stillem Einvernehmen, einer Art Grundvertrauen?

Wirkungsvoll fängt die Autorin ein, wie sich Menschen im Laufe vieler Jahre verändern und stellt daneben den Wandel von Orten. Pip unternimmt lange Streifzüge durch London und hat feine Sensoren für die Transformationen der Stadt. Altes wird überlagert von Neuem, Verluste lösen Trauer aus, Pläne entfachen die Hoffnung auf schönes Neues.

Eine Stadt lebt von Veränderungen. Aber diese kennen nicht nur die Richtung hin zum Besseren. Einst belebte Gebäude werden verkauft, stehen leer, werden abgerissen für ein Neubau-Projekt. Nicht selten kommt es mittendrin zur Pleite, die alles stagnieren lässt.

Was machen diese Umbrüche mit den Menschen, denen das vertraute Umfeld wichtige Lebenskoordinaten bietet?

Pip entdeckt vom Reißbrett umgesetzte Wohnideen – da möchte er lieber auf der Straße wohnen…

Er findet es paradox, wie in manchen Vierteln die Leute nicht mal mehr das Gesicht heben geschweige denn grüßen. Andererseits aber ihre Fenster ohne Sichtschutz belassen, so dass man als Fremder in ihre Wohnungen sieht, auf die schicken Kochinseln und komplizierten Kaffeemaschinen.

Beate Lemcke (September 2025)

Aus dem Englischen übersetzt von Kathrin Razum, Unionsverlag, Hardcover, 560 Seiten, 26 Euro

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