Die Nadelstiche seines Zauderns
Der Roman „Schatten der Gondeln“ von John Banville bringt uns nach Venedig
Mit Evelyn Dolman hat der Autor einen Romanhelden geschaffen, der unheldischer kaum sein könnte und überhaupt Charaktereigenschaften vermissen lässt, mit denen sich die Herzen der Leser im Sturme erobern liessen.
Immerhin verspricht die Kulisse Venedig Sinnenfreude mit ihrer einzigartigen Erscheinung, ihrer Historie und Kultur, den architektonischen Schätzen. Aber doch nicht im Januar, ausgerechnet! Feucht wabert der Nebel über der Lagune, vergraut die engen Gassen und verdunkelt den Markusplatz.
So fragt der einfältige und selbstgefällige Evelyn sich denn, ob das Winter-Venedig – Ort der flirrenden Lichter, verzerrten Spiegelungen und drohenden Schatten – schuld ist an den mysteriösen Vorgängen ab Tag Eins seiner Ankunft in der Stadt. Insgeheim wissend, dass er zeit seines Lebens vor allem an sich selbst scheitert. Evelyn Dolman plagt das Gefühl eine „posthume Existenz“ zu führen. Seine großen Pläne und Ambitionen sind zerplatzt unter den Nadelstichen seines Zauderns.
Den Leser erwartet die Geschichte um den englischen Schriftsteller (oder eher Schreiberling) Dolman, der die Tochter des überaus vermögenden T. Willard Rensselaer geheiratet hat. Der Alte ist eine mächtige Figur in der Industrie- und Finanzwelt und will, dass sein Schwiegersohn seine Biographie schreibt, was diesem einen Geldregen bescheren würde. Obendrauf auf das Vermögen, das Laura mit in die Ehe brächte. Ja, brächte, hätten Vater und Tochter sich nicht plötzlich überworfen. Wie sich beim unerwarteten Tod von T. Willard Rensselaer offenbarte, zog dieses Zerwürfnis die Enterbung nach sich.
Dann ist sie plötzlich weg
Jedenfalls drängt die frisch Angetraute in dieser verwirrenden Situation darauf, nach Venedig zu reisen, wo beide im Palazzo Dioscuri Quartier beziehen. Die Ehe ist noch recht frisch und Evelyn hofft wohl darauf, hinter das Geheimnis der distanzierten, gleichgültigen Art seiner Angetrauten zu kommen, die ihn so kränkt, ja richtiggehend wütend macht.
Und dann ist sie plötzlich weg, Laura. Evelyn ist daran nicht ganz unschuldig, er hat ihr wehgetan. Aber sie zu suchen, steht dem Mann nicht der Sinn. 24 Stunden im Roman kommen einem als Leser vor wie viele Tage, ja Wochen. Szenen eines Verwirrspiels tragen sich zu, einer Schmierenkomödie nicht so fern. Das frösteln machende Venedig im Winterhalbjahr, wo selbst die Luft ergraut wirkt, die ermattete Pracht, die kalten Räume des Palazzo, da alles nach abgestandenem Wasser riecht.
Das Haus Dioscuri mit seinen vielen Zimmern und Gängen wie ein Kaninchenbau, verwirrend, beengend, rätselhaft. Dunkel eingefärbt, mit diabolischen Zügen, spürt man beim Lesen, wie eine Schlinge sich zu zieht, weiß aber nicht, warum, zu welchem Zwecke und zu wessen Schaden.
Ein langes Stochern im Nebel
Soll heißen, Evelyn und auch die Leser treten zwischenzeitlich ein wenig auf der Stelle. Bei sparsamem Geschehen auf kleinstem Raum und mit wenig Personage, wirkt die Szenerie wie eingefroren.
Und genau das überträgt sich mittels wohl formulierter Sätze auf den Leser, der spätestens ab Romanmitte in dem Buch und mit der Geschichte lebt. Den es hineinzieht in diese Enge, das Atemabschneidende, das Evelyn erfährt. In die Atmosphäre der kalten Stadt mit ihrer düsteren Stimmung und dem unwägbaren unheimlichen Geschehen.
Es läuft alles hinaus auf ein langes Stochern im Nebel. Durchpulst von den inneren Monologen des Evelyn. Den wir vielleicht nicht mögen, aber ein wenig ergründen. Wer kennte nicht diese menschliche Sehnsucht, auszubrechen und ein anderes Leben zu leben.
Beate Lemcke (Dezember 2025)
John Banville „Schatten der Gondeln“, aus dem Englischen von Elke Link, Kiepenheuer & Witsch, 377 Seiten, 25 Euro

