Von Argwohn überschattet
Charlotte McConaghy „Die Rettung“, erschienen bei S. Fischer
Mehr als siebzig Prozent der Erdoberfläche sind mit Meeren bedeckt und die Tiefsee mit ihrer unermesslichen Artenvielfalt, die Forscher auf über eine Million schätzen, ist das größte Ökosystem. Doch es scheint, wir Erdenbürger interessierten uns mehr für Mond oder Mars als für die Meere, die gerade mal zu fünf Prozent erforscht sind.
Vom Strand besehen wunderschön, türkis, stahlgrau oder gichtschäumend und nachtblau, wild und exotisch, haben die Weiten und Tiefen des Meeres zugleich etwas Unergründliches, wirken dunkel und kalt. Die Welt unter Wasser ist ein Universum, reich und voller Geheimnisse, immer in Bewegung, strömend, peitschend oder sanft pulsierend. Im Jahre 2025 wissen wir um den Raubbau an der Natur, die Verschmutzung der Weltmeere, den bedrohten Lebensraum.
Unerwartetes Treibgut
Charlotte McConaghy lenkt in ihrem Roman „Die Rettung“ den Blick auf die Schönheit der Natur und auf die Gewalt, die sie entfalten kann. Gleichzeitig auch auf die Gewalt, die der Mensch ihr antut. Ihre Geschichte führt an einen fiktiven Ort, der angelehnt ist an einen existierenden, nämlich eine subantarktische Insel zwischen Tasmanien und der Antarktis. Im Roman heißt die Insel Shearwater. Sie misst ca. 120 Quadratkilometer und ist überwiegend von Flechten und Moosen bewachsen. Neben mehr als 80 000 Robben gibt es eine Haubenpinguinkolonie und drei Millionen brütende Singvögel. Die Insel ist UNESCO-Weltkulturerbe, was sie nicht vorm ansteigenden Meeresspiegel schützt, der sie in absehbarer Zeit verschlucken wird. Deshalb wird das Eiland evakuiert. Die meisten Wissenschaftler sind schon weg, nur der Verwalter Dominic Salt und seine drei Kinder sind noch da, sie werden in sechs Wochen abgeholt.
So die Situation, in der plötzlich unerwartetes Treibgut angespült wird: eine Schiffbrüchige, Rowan nennt sie sich. Sie ist dem Tod fast näher als dem Leben als eines der Kinder sie findet. Es beginnt eine von Argwohn überschattete Annäherung. Was bewog die Fremde, sich auf den Weg nach Shearwater zu machen?
Wieviel Wahrheit ist verträglich
Shearwater beherbergt eine Forschungsbasis und einen Saatgutbunker. Der gehört den Vereinten Nationen und soll möglicherweise die Nahrungsgrundlage der Menschheit sichern. So unmenschlich es klingen mag – Dominic weiß, dass im Ernstfall die Sicherheit des Saatgutes Priorität gegenüber den verbliebenen Menschen haben wird.
Charlotte McConaghy, in Australien aufgewachsen mit irisch-schottischem Familienhintergrund, vermag die abgeschiedene Natur mit ihrem Reichtum an Fauna und Flora, sichtbar und unsichtbar unter Wasser, sehr plastisch und spannend zu beschreiben. Zugleich ist das Vergängliche, das menschengemachte Unheil stets anwesend.
Der Leser lernt in Dominic einen Vater kennen, der seine Kinder liebt, aber nicht immer versteht. Einen, den der Verlust seiner Frau prägte. Um sie trauert er auf eine Weise, die sein Weiterleben behindert. Mit ihm rätseln die Leser, was die Fremde auf die Insel gebracht hat, gespannt begleiten wir die Annäherung von Dominic und den Kindern an sie und das immer wieder aufflammende Misstrauen auf beiden Seiten. Nicht unbemerkt bleibt auch die Spannung zwischen den Erwachsenen und den Kindern. Wieviel Wahrheit darf man Kindern zumuten?
Ein moralisches Dilemma
Fen, 17 Jahre alt, fühlt sich am wohlsten in der Gesellschaft von Tieren. Raff, ebenso im Teenageralter, hat unkontrollierbare Wutanfälle, wenn er sie nicht am Boxsack abarbeiten kann. Und Orly, der Neunjährige, spricht und denkt wie ein Erwachsener, beispielsweise über die Rettung eines Baumes respektive seiner Samen aus dem Zeitalter der Dinosaurier, die womöglich geopfert werden müssen, wenn nicht alles Saatgut von der Insel evakuiert werden kann. Gibt es eine Lösung für das moralische Dilemma, dass möglicherweise die Vielfalt aussterben muss, um zu bewahren, was den Menschen ernähren kann?
Dem Lesefluss sind die steten Perspektivwechsel nicht immer zuträglich zumal die Figuren sich kaum in ihrer Sichtweise und ihrem Denken unterscheiden. Sie haben zu wenig ihre eigene Stimme obwohl ja zwischen dem 9jährigen Jungen und der 40jährigen Frau Welten liegen sollten.
Dennoch zieht die Geschichte in Bann, weil sie spannend erzählt ist mit einigen unerwarteten Wendungen. Was die Autorin wirklich kann, ist für Natur zu begeistern. Zum Beispiel wenn bei einer Fahrt übers Meer beglückenderweise ein Buckelwal mit Kalb auftaucht oder an anderer Stelle eine dramatische Rettungsaktion von Walmutter und -kalb in Atem hält. Über allem leuchtet der Stern einer Erkenntnis, die Rowan gewinnt und mit allen teilen möchte: Es ist falsch zu glauben, dass im Angesicht des Elends der Welt die Liebe welken soll.
Beate Lemcke (Juli 2025)
Verlag S. Fischer, übersetzt von Jan Schönherr, 368 Seiten, 24 Euro

