Paranoid Visions – Punk in Irland

„Outsider Artists“ von Greg Clifford beim Irish Film Festival

Über Anarchy in the UK, gemeint ist hier die britische Punkkultur und ihre Musik, wissen die meisten etwas. Dank der Undertones oder der Stiff Little Fingers, die immer noch touren, ist auch Nordirland auf dem Radar der Punk-Fans. Noch im letzten Sommer waren beide Bands (und auch die Sex Pistols, oder was davon übrig ist) in der Zitadelle Spandau zu erleben.

Aber Punk aus Irland, aus Dublin? Da tun sich weiße Flecken auf. Kein Wunder, zwar bot der Erzkatholizismus der 70er und 80er Jahre den Nährboden für die Wut, die Punk antreibt. Nicht aber die Bedingungen für die Entwicklung einer Band, Auftrittsmöglichkeiten etc. So verliessen reihenweise Musiker das Land und starteten ihre mehr oder weniger erfolgreiche Karriere in London. Auch Shane MacGowan hätte seinerzeit in Irland keine Chance gehabt und musste gehen, um aus der Ferne schließlich und mit seiner Rückkehr dem Irish Folk eine Frischekur zu verpassen, die das leicht eingestaubte Genre erheblich pushte und bis heute nachwirkt.

Dass es Punk auch in Dublin gab und immer noch gibt, zeigt der Dokumentarfilm „Outsider Artists“, dessen Titel einem Songtext der 1982 gegründeten Band Paranoid Visions entlehnt ist. In vier Jahrzehnten brachten die es – durch teils skurrile Ein- und Auswechslungen – auf 36 Bandmitglieder.

Die Doku von Greg Clifford war im März 2026 beim 4. Irish Film Festival Berlin zu sehen und ein Highlight in ihrer inspirierenden, menschlich berührenden und irgendwie auch Mut machenden Art. Wie sagt es eine der Sängerinnen: Punk ist nicht tot, die Musik mag sich ändern, die Kleidung, aber Punk lebt. Als Ethos und als eine Art zu leben. Der Widerstand gegen das Establishment, das Unangepasste scheinen heute nötiger denn je.

Cliffords über sechs Jahre akribisch recherchierte Dokumentation erzählt mehr als ein Stück Musikgeschichte. Sie dokumentiert ein Land im Wandel, die Sozialgeschichte Irlands mit Themen wie Armut, Auswanderung, Missbrauch und Gängelung durch die katholische Kirche, Widerstand gegen das Diktat der kapitalistischen Industrie.

(„Outsider Artists“, IE, 2025, 98 Min., Regie: Greg Clifford)

Beitrag veröffentlicht im März 2026

Schnappschuss vom Q&A mit Festivaldirektor Denis Madden (re) und Regisseur Greg Clifford

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