Kein Land in Sicht

Paul Lynchs jüngster Roman ist ein Kammerspiel auf dem offenen Meer

Mehr AUF See zu sein ist gar nicht möglich und doch ist der Buchtitel JENSEITS der See, bzw. im englischsprachigen Original BEYOND the Sea, gut gewählt. Denn was sich in Paul Lynchs Roman zuträgt, reicht weit über den Handlungsspielplatz hinaus.

Dass es einem Fischer leichter ist, einen Vogel zu fangen denn zu fischen, wenn er auf offener See ganz ohne Hilfsmittel und auf sich gestellt ist – das ist nur eine Entdeckung, die den erfahrenen Bolivar erstaunt.

Er ist die eine Hälfte der kammerspielartigen Konstellation im Roman des Booker-Prize Gewinners aus Irland. Die andere Hälfte heißt Hector, ist jung und unerfahren und wird mehr überrumpelt denn aus eigenem Entschluss zum Partner für eine Fischfang-Ausfahrt. Diese zwei Männer, die sich kaum kennen und auf Anhieb so gar nicht mögen, begleiten wir nun an der mexikanischen Küste auf ihrem Fischerboot. Es ist noch einen Monat hin bis Weihnachten. Ein Sturm wird erwartet und besonnene Fischer würden bei der aktuellen Wettervorhersage nicht in See stechen.

Überstürzter Aufbruch

Unberechenbar wie das Meer im Sturm ist der Fortgang der Geschichte, die sprachgewaltig erzählt wird und zugleich ganz fein und abgewägt in der Wortwahl. Wie das Meer brüllt und Wellen gegen das kleine Boot, das Panga, krachen, lässt schon nach knapp zwanzig Leseseiten die Dramatik der kommenden Ereignisse erahnen. Die Kühlkiste für den Fischfang wandelt sich zur Behausung der ums Überleben Kämpfenden, wird ihr Schlafplatz, ihr Sonnenschutz und ihre Zuflucht bei peitschendem Regen.

Aber zurück zum Anfang. Da wird so vieles angerissen, Namen, Orte – als Leser bekommt man es gar nicht so schnell sortiert. Der Roman geht also ein bisschen rumpelig los – so wie der überstürzte Aufbruch der Fischer. Umso länger dehnt sich die Zeit danach, das Ausharren, Warten, das stille Überleben und das Hoffen aufs Gerettetwerden. Das ist sprachlich raffiniert gelöst.

Jeder Knochen schreit nach Schlaf

Die Sturmwarnung kam nicht von ungefähr und so lässt die Katastrophe nicht lange auf sich warten. Der Sturm zerstört den Motor, das Funkgerät wird unbrauchbar wie auch das GPS-Display. Die Benzinkanister, die Plastiktüten mit Essen und Kleidung – alles ist weg. Immerhin bleibt den Männern, die halb tot sind, ein 20-Liter-Kanister mit Wasser. „Sie erwachen in tiefer Indigo-Stille. Eine Welt ohne Antworten.“ Bolivar und Hector treiben auf dem Meer, von der Strömung getragen. Und wie die Zeit vergeht, sinkt der Wasserstand im Kanister. Den Männern wird die Zunge trocken, die Haut zur harten Hülle. Jeder Knochen schreit nach Schlaf. Ein beklemmender Zustand.

Es gibt Zeit ohne Ende, in der die beiden Männer einander nicht viel zu sagen haben. Und doch müssen sie sich miteinander arrangieren, die kleine Flamme Hoffnung am Leben halten. „Die Tage vergehen jetzt in angehaltener Zeit.“ Ganz allmählich wächst zwischen den ungleichen Männern „eine Stille, die auch Verständnis ist.“ Man stelle sich die Ausnahmesituation vor: Im wahrsten Wortsinne kein Land in Sicht.

Konfrontation mit dem ICH

Die Männer werden schwächer und fragen sich, ob sie wohl vermisst werden und ob man sich ihrer erinnern wird. Konkret und im philosophischen Sinne. Ihre Ernährung ist mehr als mangelhaft, eher ein unterbrochenes Hungern. Es gibt rohen Fisch, wenn sich denn mal einer erwischen lässt, und das rare Fleisch von Seevögeln, das Hector zu essen vehement ablehnt.

Irgendwann war Weihnachten, 73 Tage treibt das Boot nun schon auf der offenen See, die Männer verstecken sich weiter im Kühlkasten vor der Sonne. Sie erleben, wie die „Haut vom Mondlicht dünn radiert“ wird. Wie man den Verstand verliert, vom Hunger ausgezehrt und hoffnungslos. Mangelernährung und Durst forcieren Zustände von Angst, Verwirrtheit und Sinnestäuschungen. Die Realität gleitet über in Wahnvorstellungen.

Gleichzeitig werden die Sinne geschärft. Farben, Gerüche und Laute intensiver wahrgenommen.

Den knappen Dialogen stehen ausführlichere Gedanken-Monologe gegenüber, von ergriffenen und versäumten Möglichkeiten im Leben, von Glück und Freiheit. Die Konfrontation mit dem ICH erhellt die Tristesse des täglichen Einerlei.

Es arbeitet in Bolivars Kopf. Die Vergangenheit, Verfehlungen, Sünden, Schuld. Die große Frage nach der Freiheit. Erreicht sie erst, wer frei ist von allen Ansprüchen des Körpers?

Die unendliche Weite es Ozeans schnurrt zusammen zu beklemmender Enge.

Gegen Ende des Romans wird der Text immer dünner.

Formal.

Inhaltlich eher dichter.

Aber er füllt die Buchseiten nicht mehr.

Stockt wie die Aussetzer im Denken, die abgrundtiefe Erschöpfung.

Beate Lemcke (August 2025)

Paul Lynch „Jenseits der See“, Klett-Cotta, übersetzt von Eike Schönfeld,192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 22 Euro

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