Volker Mehner: Digging – Graben (Heaney)

Holzschnitte und Übermalungen zu Gedichten von Seamus Heaney
(Eröffnung im März 2002)

„Ein Werk von lyrischer Schönheit und ethischer Tiefe, das die Wunder des
Alltags und die lebendige Vergangenheit hervorhebt“ wurde geehrt, als Seamus
Heaney 1995 den Literaturnobelpreis bekam. So jedenfalls stand es in der
Verleihungsurkunde für die hoch angesehene Auszeichnung. Hierzulande war der
Dichter, 1939 geboren in Ulster, Sproß einer bäuerlichen, katholischen Familie,
nicht sehr vielen bekannt. Das hat sich mit weiteren in deutscher Sprache
verlegten Essay- und Gedichtbänden geändert. Außerordentlich beeindruckend finde
ich sein leidenschaftliches Engagement für die Autonomie der Poesie, seine
intellektuelle Schärfe und Tiefgründigkeit im Nachdenken über Kunst und Macht,
wie sie unter anderem zum Ausdruck kommen in den Essay-Bänden „Die Herrschaft
der Sprache“ und „Die Verteidigung der Poesie“. Da sitzt einer so gar nicht im
Elfenbeinturm, bringt aber auch nicht moralinsauer sein Gutmenschentum bei jeder
passenden und unpassenden Gelegenheit unter die Leute, wozu ein anderer
Preisträger sich gerne verleiten lässt…

In seinen Oxforder Vorlesungen verteidigt Heaney die Poesie gegen die
politische Vereinnahmung. Gerade in Zeiten gewaltsamer politischer
Auseinandersetzungen koste dies viel Kraft. „Wonach ich mich sehnte“, sagte er
in seiner Rede zur Preisverleihung, „war nicht unbedingt Stabilität, aber ein
aktives Entkommen aus dem Treibsand des Relativismus, nach einer Form, Poesie
ohne Angst und Abbitte würdigen zu können.“
Heaneys Lyrik ist nicht leicht zu übersetzen. Sie wurzelt tief in der
keltischen Tradition und im Irischen. Über die gälische Sprache und Literatur
schrieb er: „Unsere kehlige Muse / wurde vor langer Zeit schon zerdrückt / von
der Stabreim-Tradition“. Dem setzt Heaney sein „Digging“ entgegen, er betreibt
das Dichten als „Graben mit der Feder „.
Graben – „Digging“, so das gleichnamige Gedicht aus seinem ersten Lyrik-Band,
steht nicht nur den meisten Auswahlbänden voran, es ist eine Art Leitprinzip für
die dichterische Arbeit von Seamus Heaney.
„Between my finger and my thumb
The squat pen rests; snug as a gun.
Under my window, a clean rasping sound
When the spade sinks into gravelly ground:
My father, digging.“
Heaney wendet sich der körperlichen Arbeit von Vater und Großvater zu, wie sie
Torf stechen und Kartoffeln lesen. Er endet mit der stoßseufzenden Gewissheit es
ihnen nicht gleich tun zu können, stattdessen bestellt er sein Feld mit den ihm
eigenen Mitteln:
„But I’ve no spade to follow men like them.
Between my finger and my thumb
The squat pen rests.
I’ll dig with it“
Doch um ein Mann wie sie zu sein, fehlt mir der Spaten/
An Daumen und Finger schmiegt sich sehr/
Stämmig die Feder/
Mit ihr werde ich graben.
Mit seinen Mitteln gräbt auch der Maler Volker Mehner. Ein Bewunderer der
Dichtung von Seamus Heaney, ließ er die Inspiration in kraftvolle Holzschnitte
fließen, die er teilweise aufkaschierte und überarbeitete.
Mehner kommt aus dem Erzgebirge, wurde mit der Holzschnitt-Tradition groß.
Ohne in Ehrfurcht vorm altwürdigen Handwerk zu erstarren nutzt er die Kraft und
Geltung, die der reduzierten Form und der Klarheit der Motive entspringt. Für
Volker Mehner ist der Holzschnitt ein Medium der Antiaufklärung. Er
mythifiziert und mystifizert, arbeitet bewußt über das Haptische, das Sinnliche,
wie diese Technik es zu vermitteln vermag.
Mit der Überarbeitung der Drucke und Frottagen, der Kombination malerischer
und grafischer Elemente und der Einbeziehung von Schrift, beschreitet Mehner
einen Weg, der die Tradition zwar aufgreift aber doch ein ganz eigener ist.
Seine Bilder sind intuitiv erfaßbar und gleichwohl intellektuell, sprechen Sinne
und Geist an.
Darin zumindest sind sie den Arbeiten Heaneys sehr nahe.

Beate Lemcke

(Abbildung freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Volker Mehner, ausschließlich zur Illustrierung dieses Artikels, alle Rechte beim Künstler)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.