Unsere Lese-Empfehlung

Schön und unbarmherzig

Erstmals in deutscher Übersetzung: der Roman „Der Felsengarten“ von Leo Daly

Nicht erst als der keltische Tiger über Irland hinwegfegte begann es, dass diese so spröde und schöne Insel am Rande Europas sich veränderte. Nur war der Wandel da nicht mehr zu übersehen, weil er die Ausmaße eines epochalen Umbruchs angenommen hatte, der keinen Bereich aussparen würde.

In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in denen Leo Dalys Roman „Der Felsengarten“ angesiedelt ist, änderten sich auf den Aran-Inseln vor der Westküste Irlands die Dinge wie überall sonst. Nicht mehr und nicht weniger. Der einstige Charme der „guten alten Zeit“ verblasste. „Von der Ursprünglichkeit der Inseln war nur noch wenig übrig. Letzte Bastion der Inselkultur blieb die Sprache, und manche hielten auch sie für bedroht. Die Zerstörung durch Tourismus und andere äußere Einflüsse schien unabwendbar.“

In dieser Zeit kam Peig Casey, später Flaherty, auf die Arans, die ihr einen Ehemann boten, eine Stelle als Krankenschwester sowie eine Naturkulisse von ganz besonderem Zauber, der gleichzeitig etwas Unergründliches eignete. Gar etwas Abweisendes, Bedrohliches. In der Folgezeit steht die Ehe unter keinem guten Stern und kurze Anflüge von Glück und Zuversicht werden von einer Vergangenheit erstickt, die Peig erst allmählich, Stück um Stück zu ergründen vermag.

Lebendig und spannend erzählt Leo Daly vom Leben auf den abgeschiedenen Aran-Inseln, auf denen alles von Außen kommende mit Argwohn bedacht wird, und vom Schicksal der Peig Flaherty.

Der in Mullingar, Westmeath, geborene Autor zeigt sich berührt vom Charakter des Landstrichs im Westen, über den er auch einen Reiseführer und Geschichten publizierte, ehe 1984 dieser Roman unter dem Originaltitel „The Rock Garden“ erschien. Die Herausgeber von Lilliput Press, Dublin, charakterisierten den Romanschauplatz als „halb Eden, halb Gethsemane“.

Im Roman heißt es „Mutter Insel war ein unbarmherziges Miststück. Kaum eine intakte Familie gab es da draußen. Die Bewohner hatten sich damit abgefunden“. Und „viele würden die Inseln für kein Geld der Welt verlassen, doch wenn sie erst einmal weg sind, kommen die meisten nie wieder.“

Peig aber hatte sich entschlossen, an diesem Ort zu bleiben, auch als ihre Ehe kinderlos blieb und ihr Ehemann schwer verunglückte.

Das Buch setzt Stück um Stück ein Familienpuzzle zusammen. Und das einer Dorfgemeinschaft, die einen das Fürchten lehren kann ob ihres Willens, Dinge zu verschweigen. Oder plötzlich ans Tageslicht zu befördern. Eine dunkle Vergangenheit lässt sich da erahnen, eine Verschwörung dort. Familienfehden, Dünkel und Geschacher ums Erbe, zerstörtes Liebesglück ergeben eine Melange, die einem dem Atem abdrücken kann.

„Die Statur dieser Leute war ebenso zerklüftet wie die Insel und ihre Persönlichkeit ebenso komplex.“ Daly erzählt das eindringlich und fesselnd. Wenn der Leser eines Abgrundes gewahr wird, ahnt er noch nicht, um wie vieles tiefer der nächste ausfällt.

Eine gewisse Distanz zur porträtierten Peig Flaherty bleibt bei alledem. Leichter als die Heldin durchweg zu verstehen, fällt es, sich gegen den Mob zu positionieren, denn wo der sich aufschwingt, zu richten über Gut und Böse, möchte man diesem Fazit aus dem Buch zustimmen:

„Die Welt ist ein schrecklicher Ort, egal, welchen Himmel du überm Kopf hast“.

Beate Lemcke

(„Der Felsengarten“ von Leo Daly ist erschienen in der Edition Karo, Literaturverlag Josefine Rosalski, Berlin 2017 in der Übersetzung von Chris Inken Soppa. 202 Seiten, 23 Euro. Am besten kaufen Sie Bücher in Ihrer Buchhandlung vor Ort.)

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