Heinrich Böll und Irland

Es war so etwas wie die Geburtsstunde des Irlandtourismus der Deutschen als vor nunmehr sechzig Jahren Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“ erschien. Die meisten Irlandfreunde haben es wohl mehr als einmal gelesen. Dass Böll auch das Drehbuch für einen Film geschrieben hat, ist weniger bekannt. Dabei ist der Dokumentarfilm „Irland und seine Kinder“ ein Meisterwerk. Dicht gewebt und poesievoll nimmt der eingesprochene Text aus der Feder des Literaturnobelpreisträgers einen mit auf die Reise ins von Armut geprägte Irland der frühen 60er Jahre. Die eindringlichen Bilder des schwarzweiß gefilmten Streifens von 1961 sind im Zusammenspiel mit diesen Worten so stark, dass man den Film von Zeit zu Zeit anhalten möchte, um das gerade Gesehene und Gehörte nachwirken zu lassen. Regie für den mit dem WDR produzierten Film führte Klaus Simon.

Vor gut einem halben Jahrhundert war Irland näher an der Dritten Welt denn an der ins Wirtschaftwunder steuernden Bundesrepublik Deutschland. Böll macht das WARTEN zu DEM großen Thema. Warten auf Arbeit. Warten auf Post von den vielen nach Amerika oder Australien ausgewanderten Familienmitgliedern. Warten auf den Wochenlohn. Warten auf bessere Zeiten. Die Frömmigkeit spielt eine große Rolle, aber auch die Suche nach Vergnügung beim Wetten, Trinken, Tanzen.

Gut haben es die Kinder von Irland. Zumindest solange sie noch Kinder sind. So steigt Böll in seinen Film ein. Die irischen Schulkinder müssen nicht allzu früh am Morgen in die Schule. Sie heißen Kelly und Shaw und Yeats. „Sie alle stammen von Königen ab. Sie sind frei wie Könige…“ – eben solange sie Kinder sind.

Die Iren, so berichtet Bölls Sohn, der Künstler René Böll, in einem Gespräch mit dem Schriftsteller Hugo Hamilton, waren zunächst nicht so glücklich über diesen Film, zu grell sein Schlaglicht auf Armut, Hunger, Not. Ähnlich ging es Jahrzehnte später Frank McCourt mit seinem Roman „Die Asche meiner Mutter“ (im Original „Angela’s Ashes“), den viele Menschen in Limerick ablehnten, weil er sie zu sehr an die unselige Vergangenheit in einem bigotten Land der hungrigen Kinder mit grindigen Augen und trinkenden Vätern und barmenden Mütern erinnerte. Oder auch Hugo Hamilton, der in seinem wunderbaren viel beachteten Roman „Gescheckte Menschen“ (im Original „The Speckled People“) seine Kindheit beschreibt mit einem zum Fürchten komischen herrschsüchtigen Vater, der nur die irische Sprache, gewissermaßen als Bollwerk gegen das Britische, Besatzerische, in seinem Haushalt erlaubt. Hamilton wuchs in den 50er und 60er Jahren mit irischem Vater und deutscher Mutter in Dublin auf, also an einem Ort, wo überwiegend englisch gesprochen wurde, während der Junge zwischen deutscher und irischer Zunge hin- und hergerissen war.

Wie der Film sind auch die erwähnten Romane anrührend ohne je rührselig zu sein, ungestüm und lebensklug und voll von irischem Humor.

Heinrich Böll würde im Dezember 2017 seinen 100sten Geburtstag feiern. Wenn wir uns etwas wünschen dürften dann, dass sein außergewöhnlicher Film einem breitem Publikum zugänglich gemacht würde.

(Die Fotos entstanden während einer Veranstaltung der irischen Botschaft am 21. September 2017 in den Hackeschen Höfen Berlin. Hugo Hamiliton (li) und René Böll im Gespräch. Die Autorin dieser Zeilen mit einem ihrer Lieblingsschriftsteller: Hugo Hamilton)

Beate Lemcke

 

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