Gary Shaw: Aquarelle

Alles pure Magie oder reine Mathematik?
Über den Maler Gary Shaw

Farbfelder, die satt mit Pigmenten aufgefüllt aneinanderstoßen. Kleine Aquarellpfützen, die übers Blatt mäandern und an den Rändern auszufransen drohen, dann doch vom Nachbarfleck zurückgestoßen werden ins eigene Farbbett, Ränder des Naß hinterlassend…
Alles pure Magie? Oder reine Mathematik?
Wenn man Gary Shaws Bilder sieht, mag man sie auf den ersten Blick als abstrakte Malerei wahrnehmen. Gleichzeitig wäre dann zu fragen: Was ist eigentlich abstrakte Malerei?
Ziehen wir das geschriebene Wort zum Vergleich heran. Ist der Journalismus, was erst einmal plausibel klänge, näher an der Wirklichkeit als die Literatur? – Nicht unbedingt. Während der Journalist die Fahne der Faktentreue und der Wertungsfreiheit hochhält, kann ein Autor mit literarischen Mitteln, durch Vergleich und Verdichtung ganz wunderbar das Wesen der Dinge herausschälen…
Francis Bacon formulierte den Gedanken vom „Einfangen von Kräften“ als Bestimmung der Malerei. Es gehe nicht um die Reproduktion oder Erfindung von Formen, sondern eben um jenes „Einfangen von Kräften“.
Wer einmal vor einer der mit 50 000 Streifen (es können auch dreimal so viele sein) bedeckten Leinwände Gary Shaws von 2008 gestanden hat, weiß nicht, sondern spürt, was Bacon damit meinte. Von ihnen geht ein visuelles Flimmern aus, (wenn es das gibt) ein optisches Surren. Da fühlt man sich wie in einem Bienenstock, es vibriert, es summt und kribbelt : lebt!
Die Jahrtausendhürde übersprang Shaw gewissermaßen als Jockey. Seit Ende der 90er Jahre hatten es ihm die farbigen Dresses aus der Welt von Reiter und Pferd angetan. In ihrer schier unerschöpflichen Vielfalt an Mustern und ihren Farbkombinationen. Es entstanden in der Folge viele hundert handtellergroße Leinwände. Gerade das kleine Format läßt diese Bilder sehr unmittelbar wirken, malfrisch. Dem formal Abstrakten wohnt Leben inne, und es schleichen sich immer wieder kleine Landschaften und Figuren vors Auge des Betrachters.
Aber der Berg ist kein Berg und das Tal ist kein Tal. Die Dinge auf Gary Shaws Bildern sind ihrer Namen benommen, als könnten diese Namen uns von der wahren Empfindung abschneiden.
Trotzdem: Shaw kann auch „Natur“. Das merkt man. Darum gelingt es ihm, locker zu sein, auch im formal Geordneten. So macht er die Dinge unserer Erfahrung zugänglich.
In den Jahren 2002 bis 2007 folgten in Gary Shaws Ouevre als größere Werkgruppe die Flaggen-Bilder. Sie basieren auf einer in der Seefahrt gebräuchlichen Form der Kommunikation wobei Flaggen einzelnen Buchstaben zugeordnet sind. Kreise, Quadrate, Dreiecke und Vierecke in unterschiedlicher Kombination und Einfärbung decken die 26 Buchstaben unseres Alphabets ab. Dabei ist die Farbpalette limitiert auf schwarz, weiß, rot, blau und gelb.
Das subversive Moment, gewollt oder nicht, besteht darin, daß der Betrachter durchaus mit dem Wissen um das Flaggenalphabet an diese Bilder herantreten könnte. Er würde nicht enttäuscht werden, denn Shaw setzt aus den Flaggen einzelne Worte und Phrasen, ja ganze Textpassagen, zum Beispiel aus Greenbergs Schrift „Avantgarde und Kitsch“. Aber wer bitte schön ist denn in der Lage oder willens, die Bilder auf diese Art zu „lesen“?!
Wo der Mensch als solcher doch so gerne entschlüsselt, versteht, interpretiert, zu ergründen sucht „Was will der Künstler uns damit sagen?“, sind diese Werke eigentlich eine Frechheit.
Auch der Maler selbst begibt sich in ein Spannungsfeld. Da ist der Gestaltungswille, das Wissen um die Bild- und Farbdramaturgie, das Streben nach Schönheit, nach dem Moment, in dem das Bild „stimmt“. Andererseits gibt er ein Stück der Regie aus der Hand, indem er Fremder Texte die Pinselführung überläßt.
Shaws Bilder sind eine Absage an das Erzählerische und Abbildhafte, gleichzeitig öffnet sich ihre strenge Form nach außen, indem sie sich von Worten „tragen“ läßt.
Angeregt durch Sebastian Truchet, einen Mathematiker aus dem 17. /18. Jahrhundert, sind die neuesten Arbeiten von Gary Shaw. Truchet umtrieb die Frage nach der Anzahl von Rechtecken, die notwendig sind, um einen Kreis zu formen. Er erwog alle möglichen Muster, die sich durch das Abrunden der vier Ecken eines Rechtecks darstellen lassen.
Für den Maler beginnt die Arbeit vor der Leinwand oder auf dem Blatt Papier mit dem Variieren geometrischer Formen. Ein Rhythmus ist zu finden und dann die Farbbalance.
Anders als bei anderen mit geometrischen Formen arbeitenden Künstlern geht es bei Shaw nicht um die Illusion von Raum oder um Dreidimensionalität.
Wie im Selbstlauf entwickeln sich organische Formen, Umarmungen, Irrgärten. Bei manchen Bildern kam mir den Assoziation von Kakteen oder von Kraulern im Schwimmbecken.
Hier liegt ein Schlüssel für Gary Shaws Bilder: Es ist ihre Innerlichkeit, die die in der Vorzeichnung mathematisch angelegten Bilder vorm Auge des Betrachters ins Lyrische wandeln kann.

B. Lemcke (2009)

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